Aus der Hadiqat al-haqiqat von Sana´i (12. Jh.)

I
m Lande Ghor war eine große Stadt,
Darin es nichts als blinde Leute hat.
Ein Fürst kam mit dem Heer zu diesem Ort
Und schlug sein Zelt auf in der Steppe dort.
Er hatte einen Elefanten, mächtig,
Voll Stolz und Majestät, gar groß und prächtig.
Die Leute, die das Schreckliche vernommen,
Sie wollten gerne sehn, was da gekommen,
Und ein paar Blinde aus der Blinden Mitte,
Zum Elefanten lenkten ihre Schritte;
Die Form und die Gestalt des Elefanten
Zu sehen: wie die Leute eilends rannten!
Und sie berührten ihn (sie sah`n ihn nicht,
Da ihre Augen ohne Augenlicht),
Und jeder, der ein Glied von ihm berührte,
Erfuhr nur das, was seine Hand erspürte,
Und jeder machte sich ein falsches Bild
Und band sein Herz an Fantasiegebild.
Als sie zur Stadt zurückgekehrt im Lauf,
Da führten sie sich gar großmäulig auf,
Da alle nach der Form des Tieres fragten
Und lauschten gut auf das, was jene sagten:
Der eine griff des Elefanten Ohr
Und redete dem, der ihn fragte, vor:
„Welch eine Form das Reisen-Untier hatte -
Ganz breit und schwer und weit, wie eine Matte!“
Und der den Rüssel griff mit seiner Hand,
Sprach: „Dieses ward mir ganz genau bekannt:
Er war so lang wie eine Regenrinnen,
Ganz fürchterlich, und auch ganz hohl von innen!“
Und wer berührte von dem Elefanten
Mit seiner Hand die Füße des Giganten,
Der sprach: „So stark und fest ist seine Form
Wie einer kegelförm`gen Säule Norm!“
Denn jeder hatte nur ein Teil berührt -
So waren in die Irre sie geführt,
Befangen in unnützer Fantasie,
Im Sack gefangene Idioten sie!
Denn den Geschöpfen ist Gott nicht bekannt -
Zu Ihm hat keine Wege der Verstand!“

Diese Geschichte ist indischen Ursprungs und wird meist in der Fassung Rimis im Mathnawi III erzählt.